Gedanken zum Monatsspruch Oktober


Flucht und Vertreibung sind seit jeher die dunklen Begleiter der Menschheitsgeschichte. Ob die Schlesier und Sudeten nach dem Zweiten Weltkrieg oder aktuell die Tausenden obdachlos gewordenen Flüchtlinge auf Lesbos – jede und jeder von ihnen war bzw. ist geplagt von der Angst vor einer ungewissen Zukunft.

An genau solche heimatlos gewordenen Menschen richtet sich im sechsten vorchristlichen Jahrhundert auch der Prophet Jeremia. Er schreibt an die Männer und Frauen, die von Jerusalem nach Babylon zwangsdeportiert wurden, an diejenigen, die die riskante und letztlich gescheiterte Außenpolitik ihres Königs ausbaden und sich jetzt in der Fremde ein neues Leben aufbauen mussten.

Ihnen schreibt er: „Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie zum Herren; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.“(Jer 29,7) Oder in anderen Worten: Lasst nicht den Kopf hängen, sondern macht das Beste aus dieser schwierigen Lage! Lasst nicht zu, dass die Angst euch verstummen lässt, sondern habt den Mut, zu reden – indem ihr betet: Seht euren Glauben als Raum an, in dem ihr Kraft schöpfen könnt, in dem ihr alles vor Gott bringen könnt, was euch auf dem Herzen liegt. Stellt dem vermeintlichen „Nein“ der Gegenwart ein hoffnungsvolles „Ja“ entgegen, das getragen ist vom Vertrauen auf Gottes Beistand, gerade auch in der Fremde!


Wie würden die Worte des Propheten wohl klingen, wenn sie sich nicht an die Vertriebenen richten, sondern an diejenigen, zu denen die Vertriebenen kommen? Sollten diejenigen nicht gerade selbst „der Stadt Bestes“ sein, das sich finden lassen soll? Oder, im Blick auf unsere gegenwärtige Verantwortung formuliert: Sollten daher nicht wir, die wir von Flucht und Vertreibung im eigenen Leben verschont sind, unserem Anspruch, das „Beste“ für Menschen in Not zu sein, Rechnung tragen, indem wir ihnen zum Licht der Hoffnung aller Dunkelheit und Angst zum Trotz werden, auf dass es uns allen gut gehe?


Lena Schaefer, Mag. theol.

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